Generation Z – Zwischen digitaler Überforderung und neuer Sensibilität für mentale Gesundheit
18. Februar 2026Was Unternehmen, Führungskräfte und Ausbilder jetzt wissen und tun sollten
Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen entwickelt. Besonders deutlich zeigt dies der aktuelle DAK-Report „Generation Z in der Arbeitswelt“. Obwohl die unter 30-Jährigen insgesamt seltener krankgeschrieben sind und mit einem Krankenstand von 4,7 Prozent unter dem Durchschnitt der DAK-Versicherten liegen, nimmt die Zahl psychischer Beschwerden alarmierend zu. Die Generation Z ist deutlich stärker von psychischen Belastungen, Depressionen und Angstsymptomen betroffen als ältere Arbeitnehmergruppen.
Psychische Erkrankungen gehören mittlerweile zu den zweithäufigsten Gründen für Krankschreibungen – direkt nach Atemwegserkrankungen. Besonders auffällig sind die Zahlen zur depressiven Symptomatik: 26 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gaben an, in den zwei Wochen vor der Befragung depressive Beschwerden erlebt zu haben. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen lag dieser Anteil sogar bei 37 Prozent. Diese Entwicklung ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Dynamik.
Mediennutzung als wachsende Belastungsquelle
Die Ursachen für diese Zunahme sind vielfältig. Der „Monitor Bildung und psychische Gesundheit“ der Universität Leipzig (Februar 2025) verweist auf ein komplexes Zusammenspiel: Nachwirkungen der Corona-Pandemie, Klimakrise, globale Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheiten, schulischer Leistungsdruck und Lehrkräftemangel. Viele dieser Faktoren wirken parallel und verstärken sich gegenseitig.
Ein weiterer zentraler Belastungsfaktor ist die Digitalisierung des Alltags. Die DAK- und UKE-Suchtstudie (März 2025) zeigt, dass der Medienkonsum junger Menschen ein erhebliches Risiko birgt. Die Generation Z ist vollständig mit Smartphones aufgewachsen und kennt keinen Alltag ohne digitale Vernetzung. Permanente Erreichbarkeit, steter Informationsfluss und soziale Vergleiche prägen ihren Alltag.
Mehr als ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen nutzt digitale Medien riskant oder krankhaft, rund 1,3 Millionen Jugendliche sind betroffen. Etwa jede*r Zwanzigste gilt bereits als medienabhängig. Dabei zeigen sich klare Unterschiede: Jungen sind häufiger abhängig (6 Prozent), während Mädchen zwar seltener abhängig sind, aber stärker unter den psychischen Folgen leiden. Internationale Studien belegen, dass exzessiver Medienkonsum Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und sozialen Rückzug verstärken kann. Bei Mädchen und jungen Frauen haben Essstörungen um 50 Prozent und Depressionen um 30 Prozent zugenommen.
Die psychologischen Mechanismen dahinter sind gut erforscht: Der permanente Vergleich mit vermeintlichen Idealbildern, die Angst, etwas zu verpassen, Cybermobbing, Reizüberflutung und Schlafmangel belasten die psychische Stabilität nachhaltig. Zugleich dient der digitale Raum vielen Jugendlichen als Flucht- oder Bewältigungsstrategie, was den Teufelskreis verstärkt.
Social Media als „Diagnosemaschine“ – Chancen und Risiken
Social Media hat eine Entwicklung angestoßen, die lange als unmöglich galt: die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen. Influencerinnen und Influencer sprechen öffentlich über Depressionen, ADHS, Angststörungen oder Burnout. Dies fördert Offenheit, schafft Austausch und senkt die Hemmschwelle, Unterstützung zu suchen. Studien zeigen, dass sich jeder Sechste durch solche Inhalte motiviert fühlt, professionelle Hilfe zu suchen. Jede*r Zehnte erkennt durch Social-Media-Beiträge erstmals eigene Symptome.
Gleichzeitig birgt diese Entwicklung Risiken. Viele Inhalte stammen nicht von medizinischen Fachleuten. Diagnosen werden vereinfacht dargestellt, klinische Begriffe inflationär genutzt. Dies führt zu einer „Pathologisierung des Alltags“, bei der normale Gefühle fälschlich als Krankheit interpretiert werden. Zudem profitieren Plattformen und Creator von Reichweite – oft zulasten wissenschaftlicher Genauigkeit.
Handlungsfelder der Gesellschaft
Politik, Fachverbände und Psychotherapeut*innen warnen seit Jahren vor diesen Entwicklungen und fordern strukturelle Maßnahmen, mehr Prävention und eine Regulierung digitaler Plattformen. Zugleich verschärft der Therapienotstand die Lage erheblich: Kinder und Jugendliche warten durchschnittlich sechs Monate auf einen Therapieplatz. Diese Verzögerung erhöht das Risiko einer Verschlechterung oder Chronifizierung deutlich.
Schulen, die eigentlich zentrale Orte für Prävention und Früherkennung wären, sind massiv überlastet. Lehrkräfte berichten von zunehmenden emotionalen Auffälligkeiten, Konzentrationsproblemen und Verhaltensänderungen bei Schülerinnen und Schülern. Beratungsangebote fehlen, schulpsychologische Dienste sind unterbesetzt und Wartezeiten lang. Diese strukturellen Lücken im Gesundheitssystem und Bildungsbereich verstärken die Belastung der jungen Generation erheblich.
Auswirkungen auf die Arbeitswelt: Was die Generation Z erwartet
In der Arbeitswelt zeigt sich ein klarer Trend: Die Generation Z achtet bei der Arbeitgeberwahl stärker auf mentale Gesundheit als jede Generation zuvor. Eine Umfrage aus dem Jahr 2024 zeigt, dass 71 Prozent der jungen Beschäftigten auf Angebote zur psychischen Gesundheit achten. Unternehmen, die dies ignorieren, verlieren junge Talente – mit hohen Kosten für Fluktuation und Ausfallzeiten.
Mentale Gesundheit wird damit zu einem geschäftsrelevanten Faktor. Unternehmen, die entsprechende Angebote schaffen, profitieren von höherer Zufriedenheit, Motivation und Produktivität.
Was Ausbilder und Führungskräfte jetzt tun können
Führungskräfte und Ausbilder stehen vor der Aufgabe, auf diese veränderten Bedürfnisse einzugehen. Wichtige Ansatzpunkte sind:
Digitale Sensibilität
Digitale Tools sollen sinnvoll genutzt werden, gleichzeitig brauchen junge Menschen klare Offline-Zeiten – etwa durch handyfreie Pausenräume.
Regelmäßiges, zeitnahes Feedback
Echtzeit-Feedback bietet Orientierung, reduziert Unsicherheit und unterstützt Lernprozesse.
Authentizität und gelebte Werte
Eine offene Fehlerkultur und ehrliche Kommunikation schaffen Vertrauen und psychologische Sicherheit.
Sinnstiftung und Perspektive
Junge Menschen wollen verstehen, warum ihre Aufgaben wichtig sind und welchen Beitrag sie leisten.
Sichtbare Mental-Health-Angebote
Workshops zu Resilienz, Stressbewältigung oder Achtsamkeit müssen aktiv angeboten und kommuniziert werden.
Flexibilität
Hybride Modelle oder flexible Lernstrukturen reduzieren Stress und fördern Eigenverantwortung.
Medienkompetenz stärken
Workshops zu Social-Media-Effekten, Fake-Diagnosen und digitaler Resilienz sind heute unverzichtbar.
Prävention: Maßnahmen, die Unternehmen sofort umsetzen können
Viele Maßnahmen lassen sich kostengünstig und schnell realisieren:
• Peer-Netzwerke für Auszubildende
• Mentorenprogramme
• Ruhe- und Entspannungsräume
• interne Ansprechpersonen für mentale Gesundheit
• Kooperationen mit Beratungsstellen
Diese Bausteine schaffen Stabilität, reduzieren Stress und stärken das Zugehörigkeitsgefühl.
Wo Auszubildende Hilfe finden können
Unterstützungsmöglichkeiten gibt es sowohl im Betrieb als auch extern:
Intern:
• Zuversicht vermitteln. Es gibt Hilfe!
• Betriebsarzt/-ärztin
• Gesundheitsservice, PE
• Betriebsrat
• Personalabteilung
• psychosoziale Beratungsstellen
Extern:
• Telefonseelsorge: 0800 111 0 111
• sozialpsychiatrische Dienste
• Beratungsstellen für Jugendliche
• psychotherapeutische Praxen
• anonyme Online-Beratungsportale
• Hausarzt/-ärztin, Psychiater:in
• Terminvergabestelle:116117
• Liste mit Therapeut:innen im Netzt und bei der Krankenkasse
• (Tages-) Klinik
• Psychiatrische Ambulanz
• Psychosoziale Beratungsstellen (ProFa, Kirchen, ...)
Warum sich Engagement lohnt
Unternehmen, die in mentale Gesundheit investieren, profitieren messbar: mehr Zufriedenheit, weniger Fehltage, geringere Fluktuation, produktivere Teams und ein attraktiveres Arbeitgeberimage. Mentale Gesundheit ist kein „nice to have“, sondern ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor – und ein zentraler Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Arbeitswelt.
Wie sind Ihre Erfahrungen? Fühlen Sie sich auf diese neuen Anforderungen gut Vorbereitet?
Text: Monika Eckern
Bild: Anne Marie Denecke
