Nele staunt über eine Blume – minimalistische Zeichnung eines Mädchens mit zwei Blumen

Staunen – Die unterschätzte Ressource

16. Juli 2026

Warum Staunen mehr ist als ein Gefühl 

In der Forschung gilt Staunen inzwischen nicht mehr als bloßes ästhetisches Empfinden oder sentimentale Reaktion. Vielmehr zeigt eine wachsende Zahl empirischer Studien, dass Staunen tiefgreifende psychologische, soziale und kognitive Effekte hat. Die Wochenzeitung Die Zeit widmete diesem Phänomen in ihrer Ausgabe vom 17. Dezember 2025 das Titelthema unter der Überschrift „Die Kraft des Staunens“ – und verweist auf seine überraschenden Wirkungen auf die Gesundheit, das kognitive Denken und die soziale Verbundenheit.
Staunen lässt sich definieren als eine emotionale Reaktion auf etwas Größeres oder Unerwartetes, das unsere bestehenden kognitiven Kategorien übersteigt und uns – und unser Selbstbewusstsein – in einen weiteren Zusammenhang stellt. Dies geschieht etwa bei der Betrachtung von Naturwundern, beeindruckenden Ideen oder außergewöhnlicher menschlicher Leistung. In solchen Momenten erscheint uns das subjektive „Ich“ kleiner, während sich unsere Aufmerksamkeit auf größere Zusammenhänge richtet. Genau darin unterscheidet sich Staunen deutlich von anderen positiven Emotionen wie Freude oder Zufriedenheit.
Im Folgenden erfahren Sie, warum dieses Thema etwas mit Ihrem Arbeitskontext zu tun haben kann. Sie werden staunen.

 

1. Staunen und seine positiven Effekte auf die Gesundheit 

Ein eindrucksvolles Review zur Psychologie des Staunens zeigt: Staunen beeinflusst sowohl die mentale als auch die körperliche Gesundheit positiv. Innerhalb des Spektrums positiver Emotionen – wie z.B. Liebe oder Freude – nimmt Staunen eine besondere Stellung ein, da es besonders stark mit gesundheitsförderlichen Effekten assoziiert ist. Zu den beobachteten Mechanismen gehören:

  • eine reduzierte Aktivität im sozialen „Ich-Netzwerk“ (Default Mode Network), was selbstbezogene Grübeleien verringert und psychische Belastung mindert
  • ein erhöhter parasympathischer Tonus sowie reduzierte Stressreaktionen, messbar etwa über Herzratenvariabilität, Cortisolspiegel oder Blutdruck
  • erhöhte Oxytocinwerte und verringerte Entzündungsmarker, die mit verbesserten sozialen und körperlichen Gesundheitsparametern verbunden sind
  • ein verstärktes Erleben von Sinnhaftigkeit und Verbundenheit, belegt durch Studien mit täglichen Tagebucherhebungen und Naturerfahrungen
  • eine verbesserte Schlafqualität sowie eine Linderung von Schmerzempfinden

 

2. „Das kleine Selbst“ als kognitiver Perspektivwechsel

Ein zentraler Befund der Staunenforschung ist die Verringerung des subjektiven Selbstgefühls – ein Effekt, der in der Fachliteratur als „the small self“ beschrieben wird. Der Psychologe Dacher Keltner, der an der University of California in Berkeley zu Staunen forscht, betont, dass staunende Menschen demütiger werden. Sie erkennen die Relativität des eigenen Ichs vor dem Hintergrund von etwas Großartigem – etwa beim Blick in einen Sternenhimmel – oder auch etwas sehr Kleinem, wie der filigranen Schönheit von Eisblumen auf einer Pfütze.

Dieser Zustand:

  • erweitert Wahrnehmung und Denken, da der Fokus nicht mehr ausschließlich auf den eigenen Sorgen liegt
  • fördert Offenheit und Lernbereitschaft, weil neue Informationen weniger vorschnell bewertet oder abgewehrt werden
  • verbessert Problemlösungs- und Innovationsfähigkeit, da mentale Strukturen flexibler und durchlässiger werden

 

3. Staunen fördert Kooperation und Ethik

Eine besonders relevante Erkenntnis der Forschung ist der Zusammenhang zwischen Staunen und prosozialem Verhalten. Mehrere Studien zeigen:

  • Personen, die Staunen erleben, handeln großzügiger und kooperativer als Kontrollgruppen
  • ethisches Verhalten und Verantwortungsbewusstsein nehmen zu, da das Gefühl von Gemeinschaft und Verbundenheit gestärkt wird
  • diese Effekte treten selbst dann auf, wenn Staunen unabhängig von sozialen Kontexten ausgelöst wird, etwa durch Natur- oder Kunsterfahrungen

In experimentellen Studien werden Versuchspersonen Eindrücken ausgesetzt, die Staunen hervorrufen – etwa Bilder des Grand Canyon oder imposanter Bäume –, während Kontrollgruppen neutrale Reize wie Betonwände betrachten. Anschließend werden beide Gruppen mit sozialen Entscheidungssituationen konfrontiert. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die „Staunenden“ spenden häufiger Geld, bieten eher Hilfe an und zeigen eine stärkere Hinwendung zur Gemeinschaft.

 

4. Staunen und Entscheidungsqualität

Staunen beeinflusst nicht nur Wohlbefinden und soziale Bindungen, sondern auch die Qualität von Entscheidungen:

  • Die Wahrnehmung von Zeit und Optionen verändert sich: Entscheidungen werden langsamer, reflektierter und stärker auf langfristige Konsequenzen hin ausgerichtet.
  • Die Kreativität und Problemlösefähigkeit profitieren von der Erweiterung des Denkrahmens, was Innovation begünstigt.

Damit lässt sich Staunen als kognitiver Vorteil für Führung in VUCA-Kontexten (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) verstehen. Wer Staunen kultivieren kann, erweitert seinen strategischen Blick und seine Fähigkeit zur Perspektivenbildung.

 

5. Praktische Anwendung: Staunen in die Firmenkultur integrieren

Der Mensch staunt, wenn etwas über sein gewohntes Weltverständnis hinausgeht. Irritation hilft dem Gehirn, neu zu sehen und neu zu denken – die Psychologie spricht hier von kognitiver Neuausrichtung. Die Forschung nennt mehrere praktikable Wege, Staunen bewusst in den Arbeitsalltag zu integrieren:

a) Bewusste Wahrnehmung trainieren
Schaffen Sie regelmäßige Reflexionsräume, in denen Teams ungewöhnliche oder überraschende Erkenntnisse teilen – aus Projekten, Kundenfeedback oder Marktbeobachtungen.

b) Inspiration aus Kunst, Natur und Wissenschaft nutzen
Staunen lässt sich gezielt durch ästhetische oder intellektuelle Reize auslösen, etwa durch außergewöhnliche Vorträge, Exkursionen oder interdisziplinäre Impulse.

c) Gemeinsame Erlebnisse schaffen
Kollektives Staunen – etwa in inspirierenden Präsentationen, Teamentwicklungs-Workshops oder Innovations-Sprints – stärkt Zugehörigkeit und konstruktive Zusammenarbeit.

Vielleicht ist Staunen am Ende keine zusätzliche Kompetenz, die erlernt werden muss – sondern eine Fähigkeit, die sie wieder zulassen dürfen. In einer Welt, die von Kontrolle, Effizienz und Geschwindigkeit geprägt ist, erinnert uns Staunen daran, dass wir Teil von etwas Größerem sind.

Wer staunt, hält inne.
Wer staunt, sieht weiter.
Und wer staunt, führt nicht nur andere – sondern auch sich selbst mit mehr Weite, Demut und Sinn.

Vielleicht beginnt wirksame Zusammenarbeit genau dort: in einem Moment des Staunens.

Probieren Sie es aus: Wann haben Sie das letzte Mal gestaunt? Womit könnten Sie sich selbst, Mitarbeitende oder Kolleg:innen zum Staunen bringen?

 

Text: Monika Eckern
Bild: Anne Marie Denecke