Ein See, ein paar Flipcharts, Kanus, Schokolade: 30 Jahre ALEA
21. September 2026Wie feiert man 30 Jahre? Die Antwort auf diese Frage mag einfach klingen, aber wir haben lange gebraucht, um sie zu beantworten. Was wird gefeiert, in welchem Format – und mit wem? Es gab Skepsis, es gab Zögern. Und doch haben wir gemeinsam entschieden: nicht Konferenzraum, nicht Gala, sondern Kanu, Zelt und See. Nur vier von uns waren 1996 schon bei der Gründung von ALEA dabei – und trotzdem, das haben wir in der Vorbereitung gespürt, zieht sich eine DNA bis heute durch, auch wenn viele von uns sie im Alltag längst nicht immer bewusst spüren.
Mit den Vorbereitungen selbst fing das Abenteuer schon an: Wer plant was? Verlassen wir uns auf die langjährige Erfahrung oder auf die mutige Unbekümmertheit? Am Ende war es eine Mischung aus beidem, in einem immer wieder auftretenden Wechselspiel zwischen „Das wird mega!" und „Oh Gott, ob das alles klappt?"
Dann der Aufbruch: Lebensmittel für sechs Tage, verteilt auf wasserdichte Packsäcke, Tonnen und Rucksäcke. Reis hier, Kaffee dort, irgendwo dazwischen die Frage: Was brauchen wir wirklich? An der Stelle können wir schon mal vorwegnehmen: Nicht einmal die Hälfte dessen, was wir mitgenommen haben…

Auf der Fähre ein erstes Innehalten. Wir beginnen damit, zu hören, wie jede:r von uns in diese Tour startet, und formulieren noch einmal individuelle Erwartungen. Auch wir artikulieren ein weiteres Mal, worum es uns geht: „Ein Wunsch an uns alle ist, dass wir gut aufeinander achten – emotional und körperlich. Wir sind in unterschiedlichen Verfassungen hier und werden alle verschiedene Phasen in den nächsten Tagen durchmachen. Die Bedürfnisse von uns allen sind genauso unterschiedlich wie die Menschen es auch sind. Lasst uns uns auf die Erfahrungen einlassen. Es werden ereignisreiche Tage mit vielen Erlebnissen. Das braucht Mut. Die Komfortzone zu verlassen braucht Energie, die wir uns hoffentlich gegenseitig geben. So haben wir die Chance, hier gemeinsam gestärkt und mit vielen Geschichten wieder rauszugehen."
Angekommen am See dann das erste Umpacken. Was auf der Fähre noch ordentlich sortiert war, muss jetzt in schmale Kanus passen – und dabei wird schnell sichtbar, wie unterschiedlich wir denken. Die einen würden gerne nur das Nötigste mitnehmen, weil alles Weitere Ballast ist, den man auf dem Wasser ohnehin nicht braucht. Die anderen nehmen lieber eine Dose zu viel mit als eine zu wenig – es soll ja auch schön sein, nicht nur funktional. Am Ufer werden zwei Haltungen sichtbar, ganz ohne dass jemand ein Wort über unterschiedliche Bedürfnisse verliert. Genau das, was wir sonst in Workshops sichtbar machen, liegt hier einfach im Gras.
Ankunft am ersten Rastplatz, Lager aufbauen, kochen, den Aufbruch reflektieren. Die erste Nacht im Zelt. Am nächsten Morgen dann etwas, das man kaum bemerkt, wenn man nicht genau hin spürt: ein Ausatmen. Das Paddeln hat geklappt. Der Rücken, das Knie, die Sorgen, die der eine oder die andere insgeheim mitgetragen hatte – sie haben sich nicht bewahrheitet. Die Verpflegung passt, die Nacht war gut, der Körper trägt. Es ist kein großer Moment, kein Ausruf, keine Umarmung. Nur eine Ruhe, die sich langsam über die Gruppe legt, während die Tee- und Kaffeetassen die Runde machen. Und dieses Gefühl wiederholt sich, auch an Tag zwei und drei: nach jedem Abschnitt diese leise Freude, dass es wieder gut gegangen ist – uns sogar sehr schön ist.

Niemand spricht in diesem Moment von Vertrauen oder Sicherheit im Team. Es ist einfach da. Was wir sonst unseren Kunden erklären, haben wir da plötzlich selbst gespürt – und es hat uns ziemlich demütig gemacht. Wir ärgern uns oft, wenn Teams nicht mehr so lange mit uns unterwegs sein wollen wie früher, und fragen uns, warum. Jetzt wissen wir wieder, was für ein Commitment das eigentlich ist. Wir mögen Profis im Unterwegssein und in der Begleitung solcher Prozesse sein – aber die Sorgen, das Hadern, das Ankommen, das Sich-Öffnen, machen wir genauso durch wie jedes Team, das wir begleiten.
Dabei ist es eine Erfahrung, die wir eigentlich kennen – wie oft haben wir sie schon mit Kund:innen gemacht. Und doch überrascht sie uns jedes Mal aufs Neue: wie anders es draußen ist als im Tagungsraum. Wie viel besser sich eine Gruppe innerlich bewegt, wenn sie sich körperlich bewegt. Wie sich, weit weg von Büro und Alltag, eine Ruhe einstellt, ein Fokus, den man sich drinnen nur mühsam erarbeitet. Und wie jede:r Einzelne plötzlich viel klarer spürt, wann Energie da ist – und wann Pause dran ist.
Erst im Nachhinein wissen wir eigentlich, was wir gefeiert haben. Nicht ein Datum. Sondern dass die Erfahrungen einiger weniger mit Gruppen, mit Menschen, mit Dynamiken, mit der Natur, einmal wertvoll genug erschienen, um daraus ein Beratungskonzept zu formen. Dass aus diesem Konzept, aus viel Mut und aus Vertrauen ineinander, ein Unternehmen wurde. Und dass diese Idee bis heute lebt – die DNA hat sich weitervererbt, und zum Glück, durch viele kleine Momente, Gespräche und Entscheidungen, auch der Spirit.

Was würde bei euch passieren, wenn ihr für einen Moment aus dem Alltag raustretet?
Text: Susanne Hüls, Jannis Gerling
